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Einzug der Amerikaner nach dem 2. Weltkrieg



Beitrag zur Geschichte der Gemeinde Schillingstedt (Chronik)

In den letzten Tagen des Märzes, sowie in den ersten Tagen des April 1945 wurde es klar, daß unser Gebiet in den nächsten Tagen mit in das Kampfgeschehen einbezogen würde. Das wird natürlich viele Probleme bringen mit welchen wir uns auseinander zu setzen haben. Viele Schwierigkeiten werden auftauchen mit welchen wir fertig werden mußten. Ich entschloß mich als damaliger Bürgermeister der Gemeinde Schillingstedt eine Einwohnerversammlung einzuberufen, zu welcher ich aus jeder Familie eine erwachsene Person bat.

Die Versammlung fand im Gasthaus Schröder statt. Die Versammlung war sehr gut besucht. Mir lag daran, den Einwohnern für die kommenden Tage gewisse Verhaltensregeln und auch Beruhigung zu geben.

Ich war mir darüber im Klaren, daß zu einem späteren Zeitpunkt die Einberufung einer Einwohnerversammlung nicht mehr möglich sein würde. Ich machte die Einwohner darauf aufmerksam, daß die Einbeziehung unserer Gegend in die Kampfhandlungen möglich, ja wahrscheinlich sein wird und zwar schon in den nächsten Tagen.

Ich sagte ihnen, daß ich für meine Person nicht mit schweren Kampfhandlungen und Gefechten bin. Da unsere Gegend für längere Zeit nicht zur Verteidigung geeignet wäre. Auch die Unstrut würde feindliche Heeresabteilungen wenn überhaupt nur wenige Stunden aufhalten können. Ich nahm an, daß die feindlichen Heere auf alle Fälle versuchen würden, in unserem Gebiet zwischen Thüringer Wald und Harz so schnell wie möglich voranzukommen.

Unsere Heeresteile welche im Thüringer Wald und im Harz operierten wollten sie somit trennen und dieselben, um nicht eingeschlossen zu werden, zum Rückzug zu zwingen. Kämpfe im Gebiet des Thüringer Waldes und des Harzes mit den vielen Waldgebieten hätten ungleich schwerer und verlustreicher sein müssen.

Ich mahnte die Einwohner in diesen Tagen Ruhe und Disziplin zu bewahren, besonders die männliche Jugend ermahnte ich sich keinesfalls einfallen zu lassen durch unbedachte und leichtsinnige Handlungen irgendwie über Kampfhandlungen einzugreifen. Nach internationalen Kriegsrecht kann jede Person soweit sie nicht zur kämpfenden Truppe angehört und als solche eine Uniform tragen muß, und mit der Waffe in der Hand gestellt wird, sofort erschossen werden.

Ich sagte ihnen, daß sie durch solche Handlungen nicht nur sich selbst, sondern auch die ganze Gemeinde schwer Schaden würden.

In diesen Tagen mußte schon jedem klar sein, daß durch solche leichtsinnigen Handlungen der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei und nur die Opfer an Gut und Blut noch mehr steigen würde. Auf die Frage einiger Einwohner ob sie bei herankommenden Kampfhandlungen den Ort verlassen sollten, konnte ich nur dahingehend beantworten, dies nicht zu tun, nur im äußersten Notfall.

Ich stützte mich dabei auf meine Erfahrungen, die ich als Soldat im ersten Weltkrieg, beim schnellen Vormarsch in den Augusttagen 1914 durch Belgien und Nordfrankreich machte. Da wurden die Lebensmittel welche wir brauchten fast ausschließlich aus Gehöften entnommen, die von ihren Besitzern verlassen waren. Also vor allen Dingen Eier, Butter, Geflügel und Schweine und kleine Rinder, für die Feldküche. Ich teilte weiter mit, daß wir meiner Meinung nach mit dem Erscheinen amerikanischer Truppenverbände rechnen mußten, daß wir weiter damit rechnen mußten, daß der elektrische Strom einige Wochen ausfallen würde, wir also keinen Licht- bzw. Kraftstrom haben werden. Ich empfahl Petroleumlampen wieder in Stand zu setzen, sich soweit es möglich war, einen kleinen Vorrat an Petroleum und Kerzen anzuschaffen und für das Vieh einen Vorrat für mehrere Wochen an Häcksel zu schneiden usw. Ich konnte in der Versammlung auch mitteilen, daß im Backhaus Mehl und Kohlenvorräte für einige Wochen lagern, so daß für die ersten Wochen mit Ernährungsschwierigkeiten nicht gerechnet werden muß.

Die Einwohnerzahl unserer Gemeinde war inzwischen von 400 auf 620 – 630 angewachsen. Evakuierte aus Bonn, Köln, und besonders Umsiedler aus dem Osten, Schlesien, dem Wartegau. Alle verfügbaren Räume waren belegt, zum Teil überbelegt. Dies alles mußte bei Betrachtung der Ernährungslage mit berücksichtigt werden. Im Übrigen machte ich die Versammlung darauf aufmerksam, daß nicht alle Schwierigkeiten die entstehen könnten vorauszusehen sein und dann nur noch den darin vorhandenen Situationen gelöst werden müßten.

Nach mündlicher Klärung einiger gestellter Fragen schloß ich die Versammlung mit dem Wunsch für alles Gute für die ganze Gemeinde und alle Einwohner für die nächste Zukunft. Später bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß es zweckmäßig und gut gewesen war die Versammlung einzuberufen. Die Einwohner bewahrten in den kritischenTagen Disziplin und Ruhe und befolgten die gegebenen Anweisungen. Dadurch ist es zu keinerlei größeren Schwierigkeiten gekommen.

Die Tage wurden nun immer kritischer. Fast jede Nacht wurde ich aus dem Bett geholt, von kleinen Wehrmachtsteilen, von 5 – 20 Mann, die angeblich von ihren Truppenteilen abgekommen waren und Nachtquartier verlangten. Ich mußte den Saal des Gasthauses Springfeld fertig machen. Dieser war frei geworden, nachdem eine dort untergebrachte russische Kriegsgefangenenabteilung verlegt worden war.

In einer der Nächte kam ich selbst in eine kritische Situation. Eines Nachts so vielleicht um 11 Uhr klopfte es an unsere Hoftür. Ich ging an das Schlafstubenfenster. Ein Wachtmeister sagte mir, daß ich sofort herunterkommen müsse um Schlafdecken und sonstiges Material entgegenzunehmen und an die Einwohner zu verteilen.

Ich lehnte es ab mit dem Hinweis, daß unsere Einwohner alle in Betten schlafen und das sie die Decken an die Kameraden an der Front verteilen sollten. Auch sagte mir der Wachtmeister, daß ich sofort 4 Pferde zum Vorspannen zu stellen hätte. Der Wachtmeister zog dann schimpfend ab. Vielleicht 10 Minuten später klopfte es wieder. Unten standen zwei Offiziere und riefen mir zu das ich sofort herunter kommen müsse. Beim Fenster schließen hörte ich noch wie einer der beiden zum anderen sagte: „Wenn der nicht in 4 Minuten unten ist passiert etwas.“ Ich ging dann runter und öffnete die Hoftür. Die beiden Offiziere kamen herein dazu noch einige Soldaten. Sie warfen mir vor ich habe die Wehrmacht beleidigt und lächerlich gemacht. Ich erwiderte ihnen, daß ich mit den Worten die Schlafdecken an die Kameraden an der Front abzugeben sein auf keinen Fall eine Beleidigung der Wehrmacht zu sehen sei. Ich schilderte ihnen wie fast jede Nacht kleine Trupps von Soldaten, welche angeblich versprengt sein, von ihren Truppenteilen abgekommen sein, von mir Nachtquartier verlangten. Ich sagte ihnen, daß ich selbst Soldat gewesen sei und den ersten Weltkrieg 1914/1918 vom ersten bis zum letzten Tag mitgemacht habe. Das ich selbst als Soldat marschiert sei und das ich auf dem Rückzug und Rückmarsch Ende 1918 solche Disziplinlosigkeit nicht gesehen habe. Ich zeigte ihnen dann meinen Militärpass und dessen Eintragungen, denen ich mich nicht zu schämen brauchte. Sie lasen ihn Blatt für Blatt durch. Ein Unteroffizier der Wehrmacht war noch dazu gekommen. Derselbe sagte zu meiner Frau im Hausflur: „ Machen sie sich keine Sorgen um ihren Mann. Ich komme eben vom Fliegerhorst Kölleda, ich sollte dort mit Tankwagen Benzin holen, habe aber keinen bekommen den haben die schon verschoben. Ihrem Mann geschieht gar nichts, da bin ich auch noch da.“

Nach ungefähr einer viertel Stunde Aussprache verließen die beiden Offiziere meine Wohnung. Die Forderung, daß ich 4 Pferde zum Vorspannen zu stellen habe wiederholten sie nicht. Auch der Wachtmeister, welcher zuerst bei mir vorgesprochen hatte, hatte sich eingestellt. Sein Gesicht schien sich zu färben und ich merkte, daß etwas schief gelaufen sein muß. Am nächsten Tag erfuhr ich von einem Einwohner, welcher den Wachtmeister auf der Straße traf und der ihm sagte, daß ihr euren Bürgermeister nicht wieder seht, der wird jetzt verhaftet. Die Angelegenheit war erledigt.

Später erfuhr ich, daß es sich um eine Fliegerhorstabteilung gehandelt hatte, die selbe sei seit Kriegsbeginn auf einem Flugplatz in Schlesien stationiert gewesen und nach Räumung Schlesiens auf den Flugplatz Kölleda verlegt worden und hatte den Befehl erhalten sich nach Norden zurückzuziehen. Bei einigen Luftkämpfen unserer Jagdflieger wurden dieselben von amerikanischen Kampffliegern, welche natürlich in der Überzahl waren abgeschossen. Sogar noch als sie die abstürzenden Maschinen verlassen hatten und an den Fallschirmen hingen wurde auf sie geschossen. Das war nicht schön, denn ein wehrloser Gegner ist kein Feind mehr, und die an Fallschirmen hängenden Flieger waren wehrlos.

Ein auf der Eisenbahnstrecke Erfurt – Sangerhausen fahrender Zug wurde in unmittelbarer Nähe von Büchel von feindlichen Jagdbombern angegriffen. Von Bomben getroffen blieb er auf der Strecke liegen. Es war ein Personenzug mit nur wenigen Wagen. Hier hatte es einige verwundete Zivilisten gegeben. Auch das war nicht fair, denn der Zug war aus der geringen Höhe, aus welcher die feindlichen Flieger den Zug angriffen, einwandfrei als Personenzug zu erkennen. Das war zwei Tage bevor die Amerikaner kamen. Wir konnten die Einschläge der Bomben von unserem westlichen Dorfrand aus sehr gut beobachten. In den Morgenstunden des 11. April (1945) einem schönen sonnigen Frühlingstag wurden wir durch das im Westen aufkommende Infanterie- und Maschinengewehrfeuer darauf hin gewiesen, daß für unsere Gemeinde der kritische Tag gekommen war. Wie würde er enden und was würde er uns bringen?

Wehrmachtsteile welche in unserem Dorf übernachtet hatten, dabei auch eine ganze Anzahl Wehrmachtshelferinnen, verließen fluchtartig den Ort nach Osten zu. Sie werden aber wohl nicht weit gekommen sein.

Inzwischen näherte sich das Infanterie- und Artilleriefeuer immer mehr. Vom Leubinger Weg näherte sich eine Artillerieformation mit einigen Geschützen, geführt von einem Wachtmeister. Ich bat ihn nicht in der Ortslage in Stellung zu gehen, um nicht feindliches Geschützfeuer auf unseren Ort zu lenken. Er sagte mir, daß er den Befehl bekommen habe sich abzusetzen und das ihn, daß nachdem er 10 Jahre Soldat gewesen sei durch aus keinen Spaß mache. Ich empfahl ihm den Ort nach Beichlingen zu durchfahren und dann im Beichlinger Wald in Stellung zu gehen welcher seiner Abteilung Schutz und Sicht geben würde. Er sagte mir, daß ich gut täte, alle Kinder, Frauen und alte Leute in die Keller zu schicken. Er habe jedenfalls in dem Ort aus dem er kam (Griefstedt) erreicht, daß unter der Zivilbevölkerung keine Verluste zu verzeichnen waren. Ich gab das bekannt, mit dem Hinweis das gleiche von Mund zu Mund weiter zu sagen. Der Freiwilligen Feuerwehr gab ich die Anweisung, die Motorspritze am Löschteich in Stellung zu bringen, und Schlauchmaterial bereit zu legen, um ausbrechenden Bränden sofort entgegnen zu können. Die Feuerwehrleute sollten jedoch keine Uniformen anziehen, um eventuelle Verwechslungen zu vermeiden. Sie sollten nur den Schutzhelm bereithalten. Als alter ????? war ich mir im Klaren, daß falls Geschützfeuer unseren Ort treffen würde, dieses nur durch leichte Flachbahngeschütze erfolgen würde. Die Geschosse dieser Geschütze dringen im Gegensatz zu Fliegerbomben und Steilfeuergeschützen welche fast senkrecht auf die Erde fallen nicht in die Erde ein sondern explodieren über der Erde.

Ich hielt die Bevölkerung in den Kellern für ausreichend sicher.

Inzwischen kam ein Schützenpanzerwagen besetzt mit ungefähr 10 Mann und vollgepackt mit Panzerfäusten in scharfen Tempo den Leubinger Weg rein und durchfuhr im gleichen Tempo die Dorfstraße nach Beichlingen zu. In unserem Ort verloren sie eine Panzerfaust. Ich ließ dieselbe im Feuerlöschteich versenken.

Der Gemeindediener Hugo Bauer kam zu mir und frug mich wie ich dazu stehe wenn auf dem Kirchturm die weiße Flagge gehisst würde. Ich sagte ihm, daß ich den Auftrag nicht geben könne, es aber auch nicht verbiete. Daraufhin wurde eine weiße Flagge auf dem Kirchturm gehisst. Dieselbe aber kurz darauf von einem Nachzüglertrupp 5 – 6 Infanteristen wieder entfernt. Nachdem sich dieselben nach Osten zu abgesetzt haben, von Hugo Bauer wieder auf dem Kirchturm angebracht. Jetzt zeigten sich auf dem Weg von Griefstedt nach Altenbeichlingen die ersten feindlichen Panzer im Anmarsch. Zwei von ihnen welche nach links ausgeschert waren und den linken Flankenschutz übernommen hatten, nahmen kleine Infanterietrupps, welche sich zwischen Stangenweg und Ortslage befanden unter Maschinengewehrfeuer. Dabei schlugen ein ganzer Teil Gewehrkugeln in den Dächern der Gemeinde ein. Es gingen jedoch nur Dachziegeln kaputt. Ein Artilleriegeschoß schlug in die Mäntzsche Feldscheune ein, die sich am Altenbeichlinger Weg befand und in der einige Soldaten Deckung gesucht hatten. Das Geschoß riß ein Loch ins Dach und verwundete einen Feldunterarzt am linken Arm.

(Das Gelände am Altenbeichlinger Weg war da noch nicht von der LPG bebaut, die Feldscheune von Mäntz das einzige Gebäude, rundum frei und gut einzusehen.)

Eine zweite Granate schlug an der Kölledaer Straße unmittelbar der Schlüfterbrücke ein. Hier wurde ein Soldat schwer verletzt (Durchschuß durch beide Oberschenkel). Um weiteren Beschuß möglichst zu vermeiden, entschloß ich mich, mit einer weißen Fahne zu den feindlichen Kampftruppen zu gehen. Auf meine Frage ob noch jemand mit gehen würde, war Oswald Dürrenberg dazu bereit. Ich war eigentlich etwas enttäuscht darüber, daß einige von denen, die immer große Klappe hatten und immer alles besser wissen wollten, sich nicht gemeldet hatten. Aber die Klappen waren kleiner geworden. Oswald Dürrenberg ließ ich allerdings bei dem verwundeten Kameraden an der Schlüfterbrücke zurück und bat ihn, denselben so gut es ging zu verbinden und wenn es etwas ruhiger geworden ist, dafür zu sorgen, daß der Verwundete ins Dorf geholt werde. Was dann auch geschehen ist.

Oben auf der Stange traf ich auf die amerikanischen Truppen. (Die Marschkolonne der Amerikaner hatte vielleicht 1000m westlich von hier den Feldweg verlassen und war südlich davon über den Acker gefahren und hatten sich so dem Blick zum Fliegerhorst Kölleda entzogen.)

Bei den Amerikanern befanden sich vielleicht 150 bis 200 Mann in Gefangenschaft geratene Soldaten unter Aufsicht eines Feldwebels, welcher wie sich herausstellte sehr gut englisch sprach und zwischen mir und dem amerikanischen Offizier dolmetschte. Inzwischen war ein amerikanischer Sergeant gekommen. Ich bat ihn durch den Dolmetscher einen Offizier sprechen zu dürfen. Dieser kam dann auch. Ich gab mich als Bürgermeister der Gemeinde aus (ich zeigte dabei auf Schillingstedt) und bat ihn um Schonung und Schutz des Dorfes. Ich konnte ihm auf die Frage ob dieser Ort besetzt sei sagen, daß sich vielleicht 5 – 6 Soldaten im Ort befinden, ansonsten der Ort aber unbesetzt sei. Er trug mir auf den Soldaten zu sagen, daß sie die Waffen ablegen und mit erhobenen Händen herauf kommen sollten.

Ich bat weiter um einen Arzt um die beiden Verwundeten zu versorgen. Der Offizier konnte mir dafür keine Zusicherung geben, da er angeblich keinen Arzt zur Verfügung hatte. Auf meine Frage ob wir den Verwundeten bergen könnten gab er mir zur Antwort daß wir damit warten sollten, bis es etwas ruhiger geworden sei. Er versicherte mir, daß dem Ort nichts geschehen werde, wenn aus dem Ort nicht geschossen würde. Dann allerdings werde man zu energischen Mitteln greifen. Er sagte mir weiter, daß er den nachfolgenden Formationen durch Sprechfunk mitteilen werde, daß der Ort nicht besetzt sei.

Hiermit betrachtete ich meine Mission als beendet und machte mich auf den Weg ins Dorf zurück. Hier muß ich allerdings nachtragen, als ich die Straße hinauf ging sah ich auf der rechten Seite des Feldweges vielleicht 20 bis 30 Fahrräder liegen. Zwischen den Fahrrädern lag mit dem Gesicht nach unten und dem Stahlhelm im Genick ein deutscher Soldat. Ich nahm an das er tot sei. Ich nahm an, daß die Fahrräder aus den westlichen Ortschaften sein müßten. Die Soldaten hatten sie sich sicher von den Leuten angeeignet, die sich im Keller befanden, um damit besser vorwärts oder besser rückwärts zu kommen. Weit waren sie allerdings nicht gekommen. Auf dem Berg waren sie von amerikanischen Panzern eingeholt worden und in Gefangenschaft geraten. Die Fahrräder waren allerdings hier geblieben. Gegen Abend schickte ich einen Wagen die Straße hinauf (natürlich mit weißer Flagge, eine Rot-Kreuz-Fahne stand uns nicht zu Verfügung) um den Toten zu bergen. Er war jedoch nicht mehr zu finden. Er hatte sich nur tot gestellt um sich wenn die Luft rein war zu verkrümeln. Weit wird er aber nicht gekommen sein, denn die Ortschaften Altenbeichlingen, Beichlingen und Hemleben waren bereits besetzt. Ich nahm mir ein am Straßenrand liegendes Fahrrad und fuhr damit dem Ort zu. Unterhalb des Dermsdorfer Weges, linke Straßenseite hatten 5 Unteroffiziere und ein Feldwebel im Gebüsch Deckung gesucht. (Als ich den Berg hinauf ging waren sie noch nicht da.) Sie hielten mich an und fragten mich, was sie machen sollten. Ich konnte ihnen nur den Rat geben, daß sie entweder versuchen sollten im Schutz des Schlüftergrabens sich zurück zu ziehen. Aber große Hoffnung konnte ich ihnen nicht machen. Oder sie schließen sich den 5 – 6 Mann an die in Gefangenschaft gingen. Was sie getan haben weiß ich nicht. Das zu beobachten blieb mir keine Zeit. Ich fuhr weiter zur Schlüfterbrücke, den verwundeten Soldaten hatte man inzwischen ins Dorf geholt.

Er wurde von der Gemeindeschwester Emmi Springfeld in Pflege genommen. Als ich mich dem Ortseingang näherte, hatte sich fast die ganze Einwohnerschaft hier versammelt. Mir war diese Neugierde und das Maulaffen feil halten widerwärtig. Ich rief ihnen daher zu den Ortseingang zu räumen, andernfalls würde geschossen. Im nu war der Ortseingang menschenleer. Ich habe da Menschen trap laufen sehen, die ich im ganzen Leben noch nicht trap laufen sah. Innerlich habe ich darüber gelacht. Den paar Soldaten welche im Dorf zurückgeblieben waren, gab ich den Rat, entsprechen den mir gegebenen Anweisungen die Waffen abzugeben und die Straße hinauf in Gefangenschaft zu gehen. Ich sagte ihnen, daß keinerlei Aussicht mehr bestehen würde, sich nach Osten abzusetzen. Sie machten sich dann auf den Weg. Mich dauerten die armen Kerle. Für sie war ja nun der Krieg zu Ende, aber es ist ein schwerer Weg der Weg in Gefangenschaft.

Ich begab mich nun kurze Zeit in meine Wohnung, was auch mein Amtszimmer war. Kurze Zeit später kamen amerikanische Truppenverbände zur gleichen Zeit von Leubingen sowie vom Bücheler Weg her in unseren Ort und besetzten das Dorf. Ich hielt meine Anwesenheit im Ort daher für angebracht. Als ich die Straße betrat, kamen mir zwei amerikanische Offiziere entgegen und frugen mich, ob ich der Bürgermeister der Gemeinde sei. Ich bejahte dies. Mit in die Wohnstube gekommen, gaben sie mir dann acht Punkte bekannt, welche ich öffentlich den Einwohnern bekannt geben mußte. Unter anderen: sofortige Abgabe aller Schuß-, Stich- und Schlagwaffen. Ebenso die Abgabe der Fotoapparate. Es gab eine Ausgangssperre von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. Keine Ansammlung von mehr als 3 Personen auf der Straße am Tage. .Jugendliche bis 18 Jahre sind am Tage mit Arbeiten auf dem Feld zu beschäftigen. Verbot sämtlicher Versammlungen. Die Häuser der Kirchstraße mußten von den Bewohnern geräumt werden. Diese fanden dann bei Freunden und Bekannten im Ort Aufnahme, ohne daß ich einzugreifen brauchte.

Nur der Pastor und der Bürgermeister (also ich) mit Familie konnten in ihren Wohnungen bleiben. Die ausländischen Arbeiter mußten in der Schulklasse untergebracht werden. Die geräumten Gehöfte durften nur in den Früh- und Abendstunden betreten werden um das Vieh zu versorgen, welches in den Ställen geblieben war. Die Durchführung dieser und anderer Anweisungen klappte gut. Es kam zu keinerlei Schwierigkeiten. Die ausländischen männlichen Arbeiter hatten sich inzwischen auf den Weg auf den Kölledaer Berg gemacht und kamen jeder mit einem Fahrrad wieder.

Bei den nun anwesenden amerikanischen Truppen befand sich auch ein Arzt. Er nahm sich des schwer verwundeten deutschen Soldaten an, welcher starke Schmerzen hatte. Dieser wurde dann mit einem amerikanischen Sanitätsfahrzeug ins Krankenhaus nach Kölleda gebracht wo er dann trotzdem ein paar Tage später starb. Er wurde auf dem Friedhof in Kölleda beerdigt. Schwester Emmi hat dann seinen Stechpaß (Uhr usw.) an seine Eltern geschickt. Er war aus dem Rheinland. Sein Vater hat an Schwester Emmi geschrieben, daß er der letzte seiner 4 Söhne gewesen sei. Sie seien alle gefallen. Die inzwischen geräumten Wohnungen in der Kirchstraße wurden von amerikanischen Truppen belegt, scheinbar von Angehörigen eines Brigadestabes. Telefonleitungen wurden verlegt usw. Einige hundert gefangene deutsche Soldaten wurden unter Bewachung in den Ort gebracht. Sie mußten in den Scheunen und in den Ställen der Schulwohnung kampieren.

Ein offenes Auto brachte einen in Gefangenschaft geratenen deutschen General. Der saß natürlich auch unter Bewachung mit offenem weit zurückgeschlagenem Mantel, damit man seine Orden und Ordenspangen und die roten Streifen an den Hosen gut sehen konnte im Auto. An seiner pikfeinen Uniform auch nicht der geringste Dreckspritzer. Diese protzige und hochnäsige Arroganz wirkte unter den gegebenen Umständen widerwärtig. Dieses waren nun die Offiziere und Generale welche die Soldaten führen und zusammenhalten sollten. Kein Wunder, daß dann die deutschen Soldaten wie eine vom Wolf aufgescheuchte Schafherde ohne Hirten in kleinen Trupps in der Gegend umherirrten und nicht wußten, was sie tun und lassen sollten.

Der 11. April ging langsam zu Ende. Wir konnten mit ihm im großen und ganzen zufrieden sein. Er hatte der Gemeinde keine Opfer an Gut und Blut gebracht. Keine Brände durch Beschuß waren ausgebrochen.

In der zu Anfang dieses Schreibens erwähnten Einwohnerversammlung, hatte ich den Anwesenden erklärt, daß wenn es zum schlimmsten kommen sollte und der Ort geräumt werden müßte, ich der letzte sein werde, welcher den Ort verlassen werde. Nun war ich als erster aus dem Ort gegangen und noch dazu mit der weißen Fahne in der Hand. Eine Heldentat war es nicht und ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß ich es nicht für mich persönlich getan habe, sondern das ich glaubte, der Gemeinde und deren Einwohnern einen guten Dienst getan zu haben. Und das glaube ich auch noch heute. Es hätte schlimmer kommen können. Die Nacht verlief gut und ruhig. Zwei Tage darauf verließen die amerikanischen Truppen unseren Ort. Wir waren ohne Besatzer. Die Bewohner der Kirchstraße welche ihre Häuser verlassen mußten, konnten in ihre Wohnungen zurück kehren. Das Leben normalisierte sich nach und nach wieder. Ich hatte am 11. April wegen der Schießerei das Auto, welches täglich unsere Milch zur Molkerei nach Heldrungen fuhr zurück gehalten, die Milch wurde wieder an die die sie abgegeben hatten zurück gegeben. Ich gab an die Bauern auch die Trommeln der Milchzentrifuge, welche in der Gemeinde unter Verschluß gehalten wurden zurück. Ich trug ihnen auf, nicht mehr Butter und Milch zu verbrauchen, wie sie bisher für ihre Marken bekommen hätten. Die Butter sollte dann im Geschäft Schröder gegen Barzahlung abgegeben und an die nicht Selbstversorger ausgegeben werden. Gleichfalls wurde sie Ablieferung der Hühnereier ebenso geregelt. So konnten die Nichtselbstversorger mit Butter, Milch und Eiern versorgt werden.

Ich erfuhr das die Zuckerfabrik Oldisleben ihre Bestände an Zucker räumte und an die Gemeinden gegen Bezugsschein aus gab. Ich schickte darum 2 Gespannfahrzeuge mit den nötigen von mir ausgestellten Vollmachten, Bezugsscheinen und so weiter und einigen Männern als Begleitung und zum Aufladen nach Oldisleben zur Zuckerfabrik. Sie kamen unangefochten zurück mit dem Zucker. Wir konnten pro Person der Einwohner 15 Pfund Zucker ausgeben. Auch diese Sorge waren wir los.

An die Stadtverwaltung Kölleda konnten wir sogar einige tausend Eier abgeben. Sie haben sich sehr darüber gefreut und mir gedankt. Auch die Fleischlieferung an die Nichtselbstversorger konnte zufriedenstellend gelöst werden. Da wie schon erwähnt im Backhaus genügend Mehl lagerte traten Schwierigkeiten in der Versorgung nicht auf. Zumal ja der größte Teil der Bevölkerung Selbstversorger waren.

Die Bauern konnten nun daran gehen, die stark in Verzug geratenen Bestellungsarbeiten, besonders die Rüben und Kartoffeln in Angriff zu nehmen. Ein Lob muß ich den ausländischen Arbeitern, die hier in der Landwirtschaft tätig waren aussprechen. Sie verhielten sich sehr diszipliniert und betrugen sich sehr anständig. Wenn einmal einer ihrer Kollegen über die Stränge schlagen sollte oder wenn aus Nachbardörfern unruhige Elemente was ein paar Mal vorgekommen war, in unser Dorf kamen um Klamauk zu machen, brachten unsere Leute das schnell wieder in Ordnung. Bis auf zwei Ausnahmen. Es waren die zwei, die erst kurz vorher in unseren Ort aus der Industrie gekommen und hier bei uns bei Bauern eingesetzt waren. Sie betrugen sich ziemlich daneben. In der Gastwirtschaft hatten sie Bier und auch Schnaps getrunken. Dann schmissen sie Tische, Stühle und Bänke um und trommelten mit den Fäusten auf dem Klavier rum. Auf der Straße liefen sie mit hochgekrempelten Hemdsärmeln rum und bedrohten jeden Einwohner den sie trafen mit Fäusten. Es traute sich niemand mehr auf die Straße. Ich bat einen amerikanischen Offizier um Hilfe. Er sagte mir: „Wir haben diese Leute nicht rein geholt, daß habt ihr selbst gemacht. Im Übrigen sind das unsere Freunde und ihr unsere Feinde. Nun seht zu wie ihr mit ihnen fertig werdet.“

Doch es schien ihm doch etwas zu bunt zu werden. Er schrie die beiden an und zog seine Pistole und schoß einige Schuß in die Luft. Das schien den beiden doch etwas Respekt einzuflößen, daß hatten sie jedenfalls nicht erwartet. Ihr Verhalten wurde dann etwas besser. Jedenfalls war es dann einigermaßen erträglich geworden. Als die ausländischen Arbeiter dann abtransportiert worden, kamen noch zwei von ihnen zu mir und bedankten sich auch im Namen ihrer Kollegen für die gute Behandlung die sie in den Jahren hier im Ort gehabt hatten. Die meisten waren seit 1939/1940 hier in der Gemeinde gewesen. Da wir keine Besatzung hier im Ort hatten, kam jeden Tag um die Mittagszeit ein amerikanischer Offizier zu mir und erkundigte sich über die Lage. Es waren ausnahmslos anständige Männer, die perfekt deutsch sprachen. Einmal verlangte er die Besichtigung der Gräber von ausländischen Arbeitern, welche hier beerdigt wurden. Es waren drei. Einer war beim Baden in Büchel in der Lossa ertrunken. Ein anderer war von einem Baum gefallen und hatte sich das Genick gebrochen. Die dritte war bei der Geburt ihres Kindes gestorben. Die Gräber waren in Ordnung.

Die gelegentliche Frage, ob sich die Gemeinde selbst ernähren könne, konnte ich mit ruhigem Gewissen mit ja beantworten. Die Ausgangssperre war, nachdem der Ort wieder besatzungsfrei geworden war, wieder aufgehoben.

Eines Tages kam der Befehl, daß sämtliche Autos und Motorräder in Kölleda abgegeben werden mußten. Der Grund war, wie ich später erfuhr folgender. Die Amerikaner hatten bei der Kreisverwaltung in Kölleda verlangt, daß ihnen eine Anzahl Autos gestellt werden sollte. Der zuständige Sachbearbeiter habe aber erklärt, daß er dazu nicht in der Lage sei da er keine Mittel habe eine Beschlagnahme der Autos durchzuführen. Da kam der Befehl, daß sämtliche Autos und Motorräder im gesamten Gebiet des damaligen Kreises Kölleda abgeliefert werden mußten. Bei aller Anständigkeit, welche ich dem Amerikaner nach sagen muß, zeigten sie hiermit, daß sie in jedem Fall nicht zögern würden, ihren Willen rücksichtslos durchzusetzen. Diese Begebenheit läßt vielleicht einen Schluß darauf zu, was geschehen wäre, wenn zum Beispiel ein Schuß aus der Ortslage auf die amerikanischen Truppen gefallen wäre.

Eines Tages wurde der Bauer Otto Müller von einem amerikanischen Kommando in die Kreiskommandantur gebracht. Er war von einem ausländischen Arbeiter denunziert worden, ungerecht, wie ich dann feststellte.

Ich fuhr nach Kölleda zur Kreiskommandantur. Es gelang mir die Sache aufzuklären und erreichte, daß er wieder entlassen wurde. Am nächsten Tag wurde er wieder zurückgebracht. Das Leben in der Gemeinde nahm nunmehr und mehr wieder normale Formen an. Wir bekamen wieder elektrischen Strom usw. Bei einigen Einwohnern, bei denen die Klappe etwas kleiner geworden war, wurde sie schon wieder größer. Beschwerden gingen bei mir ein, daß hier einige Sofakissen verschwunden seien. Diese hatten amerikanische Soldaten mit genommen, um auf ihren Panzern die Sitze etwas weicher zu machen. Wer wollte es ihnen verdenken. Bei anderen fehlten einige Würste oder Speckseiten oder Schinken. Sie verlangten allen Ernstes von mir, daß sie entschädigt würden. Ich fragte sie, ob sie schon einmal etwas davon gehört hätten, daß wir im Kriegszustand seien, den Krieg verloren hätten und besetztes Gebiet seien. Im Übrigen sollten sie an die vielen Ostflüchtlinge denken, die alles im Stich hätten lassen müssen. Es war beschämend. Hier ging ein Weltreich zu Ende und da jammerten Menschen um einige Sofa- und Kopfkissen, um einige Würste und Speckseiten. Es gab leider noch mehr solche beschämenden Ereignisse. Ich will sie hier nicht alle aufführen, daß würde zu weit führen. Der Bericht, den ich schreiben wollte ist sowieso schon länger geworden, als ich mir vorgenommen hatte.

Erinnerungen des damaligen Bürgermeisters Lorenz Schillingstedt

Geschrieben 1968 von Herrn Lorenz, der zu der Zeit Bürgermeister in Schillingstedt war. Übersetzt von Frau Christa Fricke. Zur Verfügung gestellt von Herrn Hermann Springfeld, alle aus Schillingstedt.





letzte Änderung: Monday, 30.12.2013, 18:51 Uhr

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